Automatischer hydraulischer Abgleich – Alles Quatsch?!

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„Automatischer hydraulischer Abgleich“ heißt das neue Zauberwort bei vielen Ventilherstellern. Ich weiß nicht wo diese Wortschöpfung herkommt, aber meiner Meinung nach gibt es keinen automatischen hydraulischen Abgleich! Warum ich so denke, könnt ihr hier nachlesen. Falls du noch nicht weißt was ein hydraulischer Abgleich ist, findest du in meinem Beitrag „Was ist ein hydraulischer Abgleich?“ eine Antwort.

Der automatische hydraulische Abgleich

Der automatische hydraulische Abgleich wird derzeit als die Innovation für neue voreinstellbare Heizkörperventile mit Differenzdruckregelung beworben. Hersteller sind beispielsweise Danfoss (Dynamic Valve), IMI Heimeier (Eclipse Ventile) oder Oventrop (Baureihe AQ).

Werbeaussagen wie „Aufwendige Berechnung von Voreinstellwerten entfallen. Nur die jeweiligen erforderlichen Volumenströme durch die Verbraucher müssen bekannt sein.“ (HLH Heft 01/2017 S.5 – Werbung Oventrop), stiften aus meiner Sicht jedoch eher Verwirrung, als dass sie einen Nutzen bringen.

Warum? Das Schwierige bei einem hydraulischen Abgleich ist gerade die Berechnung der Volumenströme, wie im fünften Schritt meiner Serie zum hydraulischen Abgleich nachzulesen ist. Wenn man die Volumenströme berechnet hat, ist die Ermittlung der Voreinstellwerte für die Heizkörperventile nur noch die notwendige Schlussfolgerung, welche aus Tabellen abgelesen werden können.

In einem Folgesatz der Werbeanzeige (HLH Heft 01/2017 S.5 – Werbung Oventrop) steht dann: „Einmal auf den richtigen Wert eingestellt, wird der Durchfluss automatisch geregelt (automatischer hydraulischer Abgleich).“

Huiiii….die dynamische Anpassung der Volumenströme als „automatischen hydraulischen Abgleich“ zu bezeichnen, finde ich persönlich etwas weit hergeholt. Hier möchte ich einmal einen Teil der Definition von Wikipedia für einen hydraulischen Abgleich heranziehen:

„Der hydraulische Abgleich beschreibt ein Verfahren, mit dem innerhalb einer Heizungsanlage jeder Heizkörper oder Heizkreis einer Flächenheizung auf einen bestimmten Durchfluss des warmen Wassers eingestellt wird.“ Wikipedia

So sehe ich das auch. Der hydraulische Abgleich ist ein Verfahren, bei dem die Voreinstellwerte der Heizkörperventile bestimmt werden müssen und diese basieren auf den Volumenströmen, welche ich vorher berechnen muss. Hier passiert also nichts automatisch.

Um es kurz zu fassen: Wir reden hier von einem dynamischen hydraulischen Abgleich und nicht von einem automatischen. Der hydraulischer Abgleich wird seit Jahrzehnten zwischen statisch und dynamisch unterschieden:

Hydraulischer Abgleich – statisch und dynamisch

Ein klassischer statischer hydraulischer Abgleich wird in größeren Gebäuden mit Strangregulierventilen und voreinstellbaren Heizkörperventilen durchgeführt. Grundlage dafür sind die berechneten Volumenströme im Auslegungsfall (Volllastfall). Diese Volumenströme und die daraus resultierenden Voreinstellwerte sind dann auch nur für den Volllastfall richtig, sodass die Hydraulik im Teillastfall nicht immer optimal ist. Dennoch ist diese Form des hydraulischen Abgleichs besser als keine Optimierung.

Ein klassischer dynamischer hydraulischer Abgleich wird in größeren Gebäuden mit Differenzdruckreglern, voreinstellbaren Heizkörperventilen und elektronisch geregelten Heizungspumpen mit konstanter/ variabler Differenzdruckregelung durchgeführt. Grundlage hierfür sind ebenfalls die berechneten Volumenströme im Auslegungsfall (Volllastfall). Die Volumenströme in den einzelnen Strängen werden jedoch durch die Differenzdruckregler und die Pumpen im Teillastfall dynamisch angepasst, sodass die hydraulischen Gegebenheiten auch im Teillastfall optimal sind.

Voreinstellbare Heizkörperventile mit interner Differenzdruckregelung

Die nun auf dem Markt befindlichen voreinstellbaren Heizkörperventile mit interner Differenzdruckregelung haben einen wichtigen Vorteil: Sie verfeinern die dynamische Anpassung der Volumenströme hinter den Differenzdruckreglern im Teillastfall an den Heizkörpern und sorgen dafür, dass auch eine dynamische Anpassung der Volumenströme in Häusern stattfinden kann, in denen keine Differenzdruckregler eingesetzt werden. Durch den Einsatz solcher Ventile werden die hydraulischen Gegebenheiten im System also weiter stark verbessert.

Das ist eine richtig gute Entwicklung und die genannten Hersteller können sich dafür alle auf die Schultern klopfen. Das Berechnen der Volumenströme und das Voreinstellen der Komponenten muss dennoch im Vorhinein gemacht werden. Der hydraulische Abgleich ist also nicht automatisch.

Fazit

Liebe Hersteller, die Entwicklung voreinstellbarer Heizkörperventile mit interner Differenzdruckregelung ist eine echte Bereicherung für den Heizungsmarkt und kann das Einsparpotenzial durch einen hydraulischen Abgleich weiter erhöhen. Wenn ich jedoch als Verbraucher, Techniker oder Ingenieur in einer Werbeanzeige zu diesem Thema „automatisch“ lese, denke ich von einem automatischen Verfahren für den hydraulischen Abgleich, der mir das ganze Rechnen sowie die Datenaufnahme erspart.

Dazu sind eure Ventile jedoch nicht in der Lage. Ich muss immer noch Daten aufnehmen und Sachen berechnen. Eure Ventile verfeinern die hydraulischen Gegebenheiten im Heizungsnetz während des Betriebs und das ist grandios! Ich weiß, diese Aussage hört sich nicht sexy an und damit verkauft man vielleicht auch nicht so viel. Aber bitte, lasst euch nicht zu solchen Werbeaussagen hinreißen, denn Verwirrung hilft in diesem schon verwirrenden Thema niemandem weiter.

Falls ihr das alles anders seht, Fragen, Anregungen oder Kritik habt, nutzt die Kommentarfunktion. Ich freue mich darauf.

Liebe Grüße, Martin.

Übersicht zur Serie “Hydraulischen Abgleich selber machen”:

Zugehörige Beiträge außerhalb der Beispielserie:

 


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7 Kommentare/Fügen deinen eigenen Kommentar hinzu

  1. Albert Weickmann / Antworten ¬

    vielen Dank für die immer, auch für Nichtprofis, verständlichen Veröffentlichungen.
    Als Energieberater (bin Architekt, kein Heizungsprofi) schätze ich deine Beiträge sehr, die mich in die Lage versetzen mein Wissen auf diesem Gebiet zu vertiefen und meine Klienten optimal und aktuell zu beraten.

    1. Martin Schlobach / Antworten ¬

      Hallo Herr Weickmann, vielen Dank für diesen Kommentar und das positive Feedback. Das freut mich sehr 🙂
      Liebe Grüße, Martin Schlobach

  2. Behrouz Oskoui / Antworten ¬

    Sehr geehrter Herr Schlobach,

    in Ihrem Artikel ist nirgends zu lesen das der hydraulische Abgleich ein Resultat von Druckverlusten und Volumenstrom ist. Hierzu sollte schon darauf hingewiesen werden dass die neuen HZK-Verschraubungen keine aufwendig Rohrnetzberechnung benötigen in der man den Druckverlust anliegend am Heizkörper erst ermitteln und die Ventile entsprechend erst einstellen kann. Hierbei ist noch anzumerken dass die Einstellhilfd lediglich ein Loch ist das je nach Volumstrombedarf vergrößert oder verkleinert werden kann. Die Funktion ist m.E. Also nicht sehr fortschrittlich gewesen. Die neuen HZK-Verschraubungen können jetzt den Volumenstrom relativ unabhängig vom Druckverlust gewährleisten. Sie sorgen also automatisch dafür das der anliegende Druck am HZK immer gleich ist. So wie ein Konstantvolumenstromregler in einer Lüftungsleitung.

    1. Martin Schlobach / Antworten ¬

      Hallo Herr Oskoui,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Bei der Berechnung eines hydraulischen Abgleich nimmt man normalerweise einen Druckverlust über dem Ventil im Auslegungsfall an. Dieser liegt in der Regel zwischen 30 und 70 mbar. Anschließend kann die Voreinstellung in einem Diagramm abgelesen werden. Hierzu habe ich in meinem Beitrag zur Voreinstellung der Heizkörperventile ausführlich berichtet.

      Weiterhin habe im ersten Absatz noch einen Link zu meinem Beitrag „Was ist ein hydraulischer Abgleich?“ eingefügt und hoffe, dass dieser einigen Lesern weiterhilft.

      In meinem Beitrag „Wie funktioniert ein Thermostatventil?“ habe ich die Funktion eines voreinstellbaren Heizkörperventils mit Differenzdruckregelung vorgestellt. Da ein Konstantvolumenregler im Bereich Lüftungsanlagen eine ganz andere Größendimension hat als ein Heizkörperventil, wird bei der Betrachtung des Ventilquerschnitts deutlich, dass es sich definitiv um eine enorme Weiterentwicklung von Heizkörperventilen handelt, da diese sehr viel kleiner sind.

      Wie ich in diesem Beitrag geschrieben habe, wird seit Jahrzehnten zwischen dynamischen und statischem hydraulischen Abgleich unterschieden. Die Anpassung der Druckverluste durch strangweise Differenzdruckregler ist also nichts Neues. Die Wortschöpfung „automatisch“ ist hier meiner Meinung nach irreführend, da die Begrifflichkeit „dynamisch“ schon lange verwendet wird.

      Liebe Grüße, Martin Schlobach.

  3. Johann Höfler / Antworten ¬

    Hallo Martin,
    Ich war immer der Meinung, dass ich den Volumenstrom im Teillastfall durch eine elektronisch geregelte Pumpe anpassen kann?
    Brauche ich trotz elektronisch geregelter Pumpe ein Ventil mit Differenzdruckregelung?
    Freu mich schon auf deine Antwort
    Lg Johann

    1. Martin Schlobach / Antworten ¬

      Hallo Johann,

      eine elektronisch geregelte Heizungspumpe kann den Volumenstrom und den Förderdruck im Teillastfall anpassen, das ist vollkommen richtig. Die Voreinstellungen klassischer voreinstellbarer Ventile werden jedoch für den Volllastfall berechnet. Ventile mit Differenzdruckregelung können somit im Teillastfall die Hydraulik verfeinern.
      In komplexen Heizungssystemen können Heizungspumpen nicht die Druckverluste über den einzelnen Verbrauchern messen. Daher werden in großen Heizsystemen strangweise Differenzdruckregler eingesetzt. In Einfamilienhäusern mit 10 Heizkörpern macht der Einsatz von Differenzdruckreglern jedoch wenig Sinn, da die Heizkörper auch meist an einem Strang hängen. Hier können dann Ventile mit Differenzdruckregelung für eine Verbesserung der hydraulischen Gegebenheiten im Teillastfall sorgen. Wie hoch die Verbesserung ist, kann ich dir jedoch gerade nicht sagen. Ich werde das mal in Erfahrung bringen.

      Liebe Grüße, Martin

  4. Johann Höfler / Antworten ¬

    Hallo Martin,
    Danke für die Info.
    Wäre schon interessant, hier die Einsparungen in Zahlen zu sehen.

    Lg Johann

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